Digitale Modellregion Gesundheit

Das Forschungskolleg der Universität Siegen (FoKoS) hat gemeinsam mit der Lebenswissenschaftlichen Fakultät der Universität Siegen (LWF) ein Gesamtkonzept und eine Strategie zur „Digitalen Modellregion Gesundheit“ entwickelt.

Dass sich immer weniger Hausärzte auf dem Land niederlassen wollen ist eine Entwicklung, die sich in vielen ländlichen Regionen vollzieht. Da die Problematik nicht an einer Landesgrenze halt macht, sollen im Dreiländereck Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen gemeinsam digitale Lösungen im gesundheitlichen Umfeld erprobt und evaluiert werden.

Digitale Modellregion Gesundheit

Modularer Aufbau des Konzeptes

Das Forschungsvorhaben und alle daraus abgeleiteten Entwicklungsprojekte beruhen auf einem Datenmodell, das sich aus mehreren Modulen zusammensetzt, wie Datenerfassung (M 1), Datentransfer (M 2), Datenhaltung und -auswertung (M 3) sowie Datenanwendung (M 4). Alle Module sind notwendig für das Modul 5 „Interdisziplinäre Versorgungspraxis“. Hier finden Erprobung und Evaluierung der digitalen Lösungen im medizinischen Umfeld statt. Modul 6 begleitet die anderen Module übergreifend mit der „Akzeptanz und Ethik“. Ergänzt wird das Konzept durch Basiskomponenten (BK). BK 1 beschäftigt sich mit einer begleitenden Weiterbildung von Probanden / Patienten sowie ärztlichem und nicht-ärztlichem Personal im Umgang mit digital-technischen Geräten. Das angegliederte Projektmanagement wird in BK 2 koordiniert und sorgt für den Wissenstransfer. Ebenso kooperiert das Management mit Unternehmen und der Politik. Die Basiskomponente Entrepreneurship kümmert sich um Ausgründungen aus Forschung und Entwicklung sowie der unternehmerischen Sicherstellung der Nachhaltigkeit von Projekten und bildet somit BK 3. Interdisziplinäre Studien und Anforschungsprojekte im Bereich der digitalen Gesundheitsversorgung sind in BK 4 „Interdisziplinäre Forschung“ angesiedelt und werden bereits an verschiedenen Orten in der Region „Dreiländereck“ diskutiert oder durchgeführt.

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Laufende und geplante Projekte im Rahmen der Digitalen Modellregion Gesundheit Dreiländereck

Das Projekt MeDiKuS in Sundern (Betrachtung von Digitalisierungspotentialen in der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum am Beispiel der Stadt Sundern) wurde zum 31.10.19 abgeschlossen. Der dortige Bürgermeister Ralph Brodel hat gemeinsam mit dem FoKoS und der LWF ein Netzwerk in Sundern zwischen Politik, Gesellschaft, Patienten und Medizinern gebildet, um die Studie durchzuführen. Es wurden wissenschaftliche Interviews mit Ärzten, Patienten, Pflegern aus Seniorenheimen und Apothekern durchgeführt, die Aufschluss über den Status Quo der Kommunikation untereinander lieferten. Die Kommunikation war das defizitreichste Thema in Sundern, welches die Ärzteschaft während des ersten gemeinsamen Workshops identifizierte. In den gemeinsamen Gesprächen wurde neben den Kommunikationsformen auch über die Akzeptanz digitaler Sprechstunden und telemedizinischer Folgerezeptvergabe gesprochen. Nach Auswertung der Studie wurden Handlungsempfehlungen ausgesprochen, die in dem geplanten Entwicklungsprojekt „MeDiKuS 2.0“ wissenschaftlich begleitet umgesetzt werden sollen.

In Kreuztal läuft derzeit das Projekt DIPRA (Exploration und Konzeption Digitaler Praxen zur Verbesserung der Versorgung im ländlichen Raum) und im Kreis Altenkirchen startete am 01.07.19 das NäPa-Projekt (Digitale Unterstützung von nichtärztlichen Praxisassistenten/-innen für Hausbesuche beim Patienten in Altenkirchen). Das Projekt DataHealth im Burbacher Hickengrund (Flexible Patientendaten für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum am Beispiel des Hickengrundes) ist bereits bewilligt und wird in Kürze beginnen. In Haiger wird das Vorhaben „Digitale Praxis“ (Auswertung patientenbezogener digitaler Gesundheitsdaten für Haus- und Fachärzte zur Diagnose- und Behandlungsunterstützung) angestrebt. Mit „eHealth First“ (Telemedizinische Patienten-Anamnese im Delegationsverfahren) will sich Netphen beschäftigen. Die Stadt Wissen interessiert sich für das Projekt „Red DataHealth“ (Flexible Patientendaten für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum am Beispiel der Stadt Wissen). Gemeinsam mit Attendorn sollen im Projekt „BusinessCase Telemed“ skalierbare Geschäftsmodelle auf der Basis eines Public Private Partnership (PPP) gemeinsam mit der Kommune und lokalen Unternehmen entwickelt werden.

Darüber hinaus ist das FoKoS mit weiteren Städten und Gemeinden im Gespräch über Projektvorhaben wie „DigiDocs“ (Kombination von Telemedizin und Präsenzsprechstunde als überlokales, digitalisiertes Praxis- und Behandlungskonzept), „TMVZ“ (Telemedizinisches Versorgungszentrum: Monitoring zur Lenkung von Patientenströmen und zur Entlastung bei Erstbehandlungen in Kliniken und Praxen), „Delphi Studie“ (Interventionsstudie, gestützt auf Experten- und Patientenbefragungen mit dem Ziel, Patientenströme zu lenken) und „HealthAngels“ (Entwicklung von Weiterbildungsmöglichkeiten für ein Helfernetzwerk zur Unterstützung bei der Aufzeichnung und Versendung von Vitaldaten).

Eine Liste und ausführliche Erläuterung aller Projekte finden Sie hier.

Digitale Modellregion Gesundheit

Die Matrix zur Strategie verdeutlicht, wie die einzelnen Projekte ineinandergreifen und mit welcher Gewichtung sie in die verschiedenen Module und Basiskomponenten einzahlen. Das Dreiländereck verkörpert eine wirtschaftsstarke Wachstumsregion mit einem ausgeprägten Mittelstand, welches regionale gesundheitliche Versorgung als ein Spitzenthema der Zukunft identifiziert hat. Diese soll mit den Mitteln der Digitalisierung gestärkt werden. In diesem Sinne versteht sich die „Digitale Modellregion Gesundheit Dreiländereck“ beispielhaft für die innovative Entwicklung des Themas mit ausgeprägter Forschungs- und Entwicklungskraft sowie einem nachhaltigen unternehmerischen Umsetzungswillen der eingebundenen Akteure.

Konzeptionierung & Finanzierung der Modellregion im Dreiländereck

Im Frühjahr 2019 wurde vom FoKoS ein Projektantrag zur REGIONALE 2025 eingereicht. Das hierzu entwickelte Konzept einer „Digitalen Modellregion Gesundheit Südwestfalen“ umfasste dabei mehrere Einzelprojekte zu den Themen Gesundheit und Digitalisierung. Landrat Andreas Müller bescheinigte dem Antrag eine herausragende konzeptionelle Qualität für die Zukunft Südwestfalens und überreichte dem FoKoS als Projektträger den ersten REGIONALE-Stern. Gesundheitspolitiker aus angrenzenden Landkreisen und Bundesländern wurden auf das Vorhaben aufmerksam, sodass die Konzeptionierung der Modellregion schon bald über die Grenzen Südwestfalens hinaus ausgedehnt wurde. Die zwölf Entwicklungsprojekte der „Digitalen Modellregion Gesundheit Dreiländereck“, die sich derzeit in Kooperation mit Kommunen und regionalen Medizinern, Pflegeheimen und Apotheken sowie aktiven Bürgern konkretisieren, bauen auf den ursprünglichen Forschungsansätzen und -inhalten aus dem für die REGIONALE entwickelten Konzept auf. Diskutiert werden die Schwerpunktthemen „Telemedizin“, „ärztliche Delegation“ und „Vitaldatenmonitoring“.

Das Gesamtkonzept und die Projektstrategie zur „Digitalen Modellregion Gesundheit Dreiländereck“ wurden auf der gleichnamigen Konferenz am 23. September 2019 im Forschungskolleg vorgestellt. Projektziel ist die Erhaltung und Verbesserung der zukünftigen Versorgung in ländlichen Regionen. Das Vorhaben weist viele Synergieeffekte auf und ist übertragbar auf andere ländliche Regionen in Deutschland und darüber hinaus.

Alle Projekte können – je nach Finanzierungszusagen – nach und nach und ineinandergreifend umgesetzt werden (vgl. Matrix) und sollen möglichst mit einer einjährigen wissenschaftlichen Studie beginnen, ehe sie im Anschluss in einem Entwicklungsprojekt weiterverfolgt werden. Für die Studien wurden und werden beispielsweise Mittel in den Haushaltsplänen bei den einzelnen Partnerkommunen festgesetzt. Gemeinsam werden auch geeignete regionale Fördertöpfe in Betracht gezogen. MeDiKuS wurde aus dem Bundesprogramm für Ländliche Entwicklung „LandAufSchwung“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gefördert und für DataHealth konnten LEADER-Mittel aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums eingeworben werden.

 

Förderantrag beim Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA)

Im Mai 2019 war der Bundesminister für Gesundheit, Jens Spahn, zu Gast am Forschungskolleg. Beim Themenabend „Digitale Modellregion Gesundheit – Zukunft der ländlichen Versorgung“ hat sich Jens Spahn positiv für das Vorhaben der Digitalen Modellregion Gesundheit ausgesprochen. Er will mit Mitteln des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses zwölf größere regionale Projekte im Gesundheitssektor fördern, die konkret und umfassend Versorgungsfragen in den Blick nehmen. Dabei sollen Entwicklungen zustande kommen, die tatsächlich einen Unterschied im Alltag der Bevölkerung ausmachen. Auf Empfehlung des Bundesministers für Gesundheit wird aktuell ein Förderantrag über mehrere Millionen Euro beim Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vorbereitet, um das Konzept der Modellregion umzusetzen. Neben Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft werden auch Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigung und weitere Gesundheitsakteure aus der Region als Projekt- und Kooperationspartner von FoKoS und LWF gemeinsam akquiriert.

Anfang 2020 wird eine weitere Konferenz zur „Digitalen Modellregion Gesundheit Dreiländereck“ am Forschungskolleg stattfinden. Zu diesem Termin sollen die Gesundheitsministerin aus Rheinland-Pfalz (Sabine Bätzing-Lichtenthäler) und die Gesundheitsminister aus Hessen und Nordrhein-Westfalen (Kai Klose und Karl-Josef Laumann) eingeladen werden. Frau Bätzing-Lichtenthäler und Herr Klose wurden bereits von den entsprechenden Landesvertretern im Konsortium kontaktiert. Nach der Konferenz soll im Frühjahr 2020 der Förderantrag beim Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zur weiteren Umsetzung des gesamten Konzeptes eingereicht werden.

 

Vernetzung aller Akteure und Einbeziehung der Öffentlichkeit

Mit allen internen und externen Akteuren finden regelmäßig projektbezogene Gespräche und Workshops statt. Zudem veranstalten das FoKoS und die LWF projektübergreifende Konferenzen zu der gesamten „Digitalen Modellregion Gesundheit Dreiländereck“ und laden zu öffentlichen und themenbezogenen FoKoS-Veranstaltungen ein. Am 28.11. fand ein öffentliches Medizinethik-Symposium in der Themenreihe „Mensch und Daten“ unter dem Titel „Auf dem Weg zur Datenmedizin? Interdisziplinäre Herausforderungen für die Gesundheitsforschung und  -versorgung“ statt.

Eine Liste aller an den Projekten beteiligter Partner finden Sie hier.